Sterben die Kneipen wirklich?

Wirte aus unterschiedlichen Stadtteilen berichten übereinstimmend, dass die typische Hamburger Eckkneipe in naher Zukunft aussterben wird. Dies liege zum einen am Alter der Stammgäste, die im Laufe der Zeit das Zeitliche segneten und zum anderen am Geldbeutel der Kneipenbesucher, der mit den Jahren stetig geschrumpft sei. Hinzu komme, dass sich möglicher Nachwuchs lieber in die bekannten Szeneviertel zurückzieht. Gardinenkneipe hat sich auf die Suche nach konkreten Zahlen gemacht

Wenn man herauszufinden möchte, ob die Annahmen der Wirte tatsächlich ein allgemeiner Trend sind oder ob teilweise etwas pessimistisch in die Zukunft geblickt wird, braucht man verlässliche Zahlen. Um bei den zuständigen Ämtern nachzufragen, gilt es zunächst eine treffende Definition zu finden. Denn nicht jede Gardinenkneipe ist Eckkneipe und manch Gardinenkneipe hat statt Gardinen Buntglas im Fenster. Zunächst sollten daher Gemeinsamkeiten gefunden werden, die eine allgemeingültige Beschreibung zulassen. Nach kurzer Überlegung kommt man schnell auf einen Nenner: Rauch.

Denn jede Eck-, Buntglas-, oder Gardinenkneipe die für diesen Blog besucht wurde hat zumindest eine Ähnlichkeit. Es handelt sich um Raucherkneipen. Ausgestattet mit diesem Begriff und der Ambition dem vermeintlichen Kneipensterben auf den Grund zu gehen, wurde zunächst das Landesamt für Statistik angefragt.Wie aus früheren Presseanfragen bekannt, kam die Antwort sehr zügig. Diesmal jedoch ohne weiteren Nutzwert, denn: „Das Statistikamt Nord hat leider keine Daten zu diesem Thema vorliegen“.

Eine Aussage die sich auf die gesamte Hansestadt bezieht schien zunächst nicht möglich. Es wurde daher die nächst kleinere Einheit kontaktiert. Hamburg hat sieben Bezirke und da diese für die Überwachung des Rauchverbotes vor einigen Jahren zuständig waren, bestand die Hoffnung eine Antwort bei den Bezirksämtern zu bekommen. Angefragt wurde das Bezirksamt Mitte, welches unter anderem für den Stadtteil mit den meisten Kneipen zuständig ist –  St. Pauli.

Doch auch hier konnte nicht weitergeholfen werden. Wie man telefonisch mitteilte, werden Raucherkneipen nicht gesondert erfasst, da es den Wirten von Kleinraumkneipen unter 75qm mittlerweile selbst überlassen ist, ob sie das Rauchen erlauben. Man schlug vor, sich direkt mit dem Gaststättenverband in Verbindung zu setzen.

Hauptgeschäftsführer der DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) Hamburg ist Gregor Maihöfer. Am Telefon erklärte er, dass es keine genauen Hinweise über ein Kneipensterben in der Definition dieses Blogs geben könne, da Eckkneipen nicht gesondert erfasst würden.

Gregor Maihöfer

Die Dehoga würde aber allgemein von einigen hundert Eckkneipen in Hamburg sprechen und vertritt die Meinung, dass ein Kneipensterben insgesamt durch ein zukünftiges Rauchverbot beschleunigt werden würde. Grundsätzlich sei Maihöfer jedoch der Meinung, dass es nicht weniger Kneipen in Hamburg gäbe als früher, da in wirtschaftlich schweren Zeiten häufiger mit Abfindungen neue aufgemacht würden. Allerdings seien durch die größere Mobilität Menschen nicht unbedingt auf die Kneipe um die Ecke angewiesen.

Von einem Kneipensterben kann bis hier hin also nicht gesprochen werden. Um dennoch konkrete Zahlen zu nennen, blieb an dieser Stelle nur übrig von der oben aufgestellten Definition wieder abzuweichen. Sollte es schon nicht möglich sein festzustellen, wie es um die Gardinenkneipen bestellt ist, so sollte es doch zumindest eine Institution geben die Kneipen allgemein erfasst.

Der Schlüssel lag bei der Finanzbehörde. Anhand der Umsatzsteueranmeldungen sogenannter reiner Schankbetriebe lässt sich feststellen, wie viele (legale) Kneipen und Bars es in Hamburg gibt. Nach einiger Zeit antwortete mir Pressesprecher Daniel Stricker folgendes: „Unter der Gewerbeart „Schankwirtschaften“ hat sich folgende Entwicklung bei den Betrieben, die als umsatzsteuerpflichtige Unternehmer steuerlich erfasst sind, gezeigt“:

Absolute Zahlen
Gewerbeart / Jahr: 2008 2009 2010 2011
Schankwirtschaften: 1056 985 953 929
Prozentuale Veränderungen
Gewerbeart / Jahr: 2008 – 2009 2009 – 2010 2010 – 2011
Schankwirtschaften:    – 7,21%    – 3,36%    – 2,58%

Die Recherche schien damit zum Teil erfolgreich. Herr Stricker machte jedoch im nächsten Absatz eine Einschränkung: „Es gilt hierbei zu beachten, dass die Einstufung der Gewerbeart durch die Wirtschafts- und Ordnungsämter in manueller Weise erfolgt und den Hamburger Finanzämtern entsprechend übermittelt wird. Die Daten sind  fehleranfällig, z.B. Fehleintragung wegen Zahlendrehers, keine Kenntnis der Gewerbeeinstellung oder des Gewerbewechsels mangels Abmeldung / Anzeige durch den Betreiber bei den zuständigen Dienststellen. Die Benennung prozentualer Veränderungen erscheint daher erheblich verlässlicher als die absoluten Zahlen“.

Es lässt sich also sagen, dass es in den letzten Jahren tatsächlich einen Rückgang von Kneipen in Hamburg gegeben hat und dass dieser in der Zeit des Rauchverbotes erheblich größer gewesen ist. Zum jetzigen Zeitpunkt von einem allgemeinen Kneipensterben zu sprechen wäre allerdings, gerade in Betracht der Zahlen aus dem letzten Jahr, etwas übertrieben.

Letztendlich konnte die Frage bezogen auf die typischen Hamburger Eckkneipen nicht konkret beantwortet werden. Was jedem bleibt, ist mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und sich ein eigenes Bild zu machen. Gardinenkneipe wird dies weiterhin tun und freut sich auch in Zukunft auf interessante Gespräche mit spannenden Menschen.

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