„Irgendwann sterben die Kneipen aus“

„Nordpol, Ida, doppel Theodor.“ Wenn Thorsten Nitt seinen Nachnamen buchstabiert, hört man schnell, dass es sich bei ihm um einen waschechten Hamburger handelt. Seit 17 Jahren ist er Wirt im Aurora in Hamburg Eimsbüttel. Er liebt seinen Job. Vielleicht auch deswegen, weil er vorher etwas ganz anderes gemacht hat.

Man trifft sich zum Gespräch am Dienstagvormittag um zehn. Die Gaststätte Aurora ist zu diesem Zeitpunkt gut gefüllt. Nitt sitzt an einem Tisch und frühstückt. Das Interview hat er offenbar nicht mehr auf dem Zettel, was sich aber keinesfalls als Problem darstellt. “Gib mir 5 Minuten, dann bin ich bei dir“, antwortet er, während er sich das letzte Stück Brötchen in den Mund schiebt.

Thorsten Nitt ist 1961 in Hamburg geboren. Das Aurora hat er 1994 von einem Freund übernommen, dessen Ehefrau keine Lust mehr auf das Kneipenleben ihres Mannes hatte. Im Erdgeschoss eines Altbaus liegt die Gaststätte mitten im Wohngebiet von Eimsbüttel.

Nitt hatte bis zur Übernahme nichts mit dem anstrengenden Gaststättengewerbe zu tun. Arbeit war er von ganz woanders gewohnt, denn er hat was sehr Bodenständiges gelernt.

Bevor er das Aurora übernahm, war er Rechtsanwaltsgehilfe in einer Hamburger Kanzlei. Für seinen neuen Laden hat er von heute auf morgen gekündigt. Der Reiz mal etwas eigenes auf die Beine zu stellen war zu groß. Dass er allerdings bis jetzt hier sein wird, das war ihm damals nicht bewusst. “Ich wollte einfach mal was ausprobieren und bin dann irgendwie hängengeblieben.“

Angst um ausreichend Umsatz musste er sich damals nicht machen. Die meisten seiner Stammgäste hatte er gleich mit übernommen.
„Wir haben hier die Laufkundschaft vom Hotel und außerdem gibt es einen
Dartverein und den Sparclub mit 40 Leuten.“

Das all diese Leute bedient werden wollen ist klar. Ruhetag ist deshalb nur am Sonntag. An den meisten anderen Tagen steht Nitt hinterm Tresen.

Nur Samstags übernimmt seine Freundin die Geschäfte. Er nennt sie liebevoll „Kleine“. Für die Beziehung der beiden bleibt wenig Zeit.

„Wir sind froh, wenn wir ein Wochenende für uns haben oder mal Urlaub machen können.“ Letzteres versucht Nitt zumindest für zwei Wochen im Jahr. Dann fliegt er in die Türkei – seit über 20 Jahren.

Das Aurora wird trotzdem nicht dicht gemacht. Wenn Nitt im Urlaub ist, besorgt er sich eine Aushilfe. Die übernimmt dann auch das Beschaffen der Ware,  welches er als einziges Manko an seinem Job sieht. „Es gibt eine Sache die nervt mich, und das ist das ewige Einkaufen.“

Am meisten Spaß machen ihm die Leute und das „Geschnacke“ seiner Gäste. Und „dass es nur ganz selten Ärger gibt.“ Wenn doch mal jemand frech wird, hat Nitt ein probates Mittel: „Der bekommt einfach nichts mehr zu trinken oder ich setz ihn vor die Tür und er kann morgen wieder kommen.“

Grundsätzlich wird im Aurora mehr geredet, als dass es zu Handgreiflichkeiten kommt. Diese Erfahrung macht Thorsten Nitt täglich. „Du musst den Gästen zuhören, es ist einfach so. Vielen kommen in die Kneipe um ihre Sorgen loszulassen. Man muss ein Ohr für die Leute haben.“

Nitt gibt zu, dass das manchmal anstrengend ist. „Ab und zu nerven die Geschichten, weil man nach so vielen Jahren jede Story schon dreimal von den Gästen gehört hat – naja,  dreimal ist noch untertrieben.“

Bei der Frage, ob er selber nicht zu kurz kommt beim ewigen zuhören muss Nitt lachen. „Nö, ich habe ja zum Glück zwei Ohren“, erklärt er und macht dabei die typische „hier rein da raus“-Bewegung.

Wenn es ihm doch mal zuviel wird, widmet sich der Wirt seinem Hobby. Nitt ist leidenschaftlicher Dartspieler. Der obligatorische Dartautomat steht deswegen auch im Aurora an seinem festen Platz.

Zum Feiern zieht es Nitt dann ganz raus aus dem Stadtteil. „Wenn mal Zeit besteht, gehe ich auf den Kiez. Am liebsten in die Rutsche. Da kennt mich fast jeder.“

Weggehen in Eimsbüttel hält er mittlerweile für gar nicht mehr so einfach. „Früher gab es hier mal viel mehr. Vor 10 Jahren waren, ohne zu übertreiben, im Umkreis von einem Kilometer 10 Kneipen“. Das Problem sei der fehlende Nachwuchs. „Die Jugend geht lieber da hin wo Remmidemmi ist und wo die jungen Frauen rumhoppeln. Ist einfach so, irgendwann sterben die Kneipen aus.“

Ein weiteres Problem seien neu zugezogene Nachbarn, denen es irgendwann zu laut wird. Für Nitt ist das allerdings seit einiger Zeit nicht mehr so wichtig. „Wir haben hier die Decke neu abgezogen und seitdem ist stille Nacht.“

Thorsten Nitt hält dies für die kleinen Probleme des Alltags. Im Großen und Ganzen ist er sehr zufrieden mit seinem Leben als Wirt. Auf die Frage, was er machen würde wenn er einen Wunsch frei hätte, antwortet er jedoch wie aus der Pistole geschossen: „Auswandern – Ein Haus in der Türkei. Wunderbar, mehr brauch ich nicht. Langt mir völlig.“

Bis es soweit ist, wird er sich weiterhin mit Hamburger-Gelassenheit die Geschichten seiner Gäste anhören und in seiner Gardinenkneipe hinterm Tresen stehen.

Daran erinnern, wo die Gardinen herkommen, kann sich Nitt übrigens nicht mehr. Mit der Deko hat er nichts am Hut. „Das macht meine Kleine immer. Und wenn ihr irgendetwas nicht gefällt, dann wechselt sie das aus und gut is.“

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