Achtern raus segeln

Norbert ist einer der Geschäftsführer im Shanty. Er benutzt Wörter wie „ditte“, „Ick“ und „jewollt“. Seinen Akzent hat er bis heute beibehalten. Vor über 30 Jahren kam er von Berlin nach Hamburg. West Berlin, wie er betont. Warum er in St. Pauli gestrandet ist? Das hat der 56-Jährige mit vielen Kiezoriginalen gemeinsam – Schuld war die Seefahrt.
Die kleine Gardinenkneipe Shanty liegt in der Bleicherstaße, mitten in St. Pauli. Vor einigen Jahren war hier die Gaststätte Kleiner Mexikaner zu Hause. Das Shanty lag gegenüber. Nach einem Dachstuhlbrand wechselte man auf die andere Straßenseite. Tresen und Mobiliar zogen mit um und wurden den neuen Gegebenheiten angepasst. Nur die grüne Tür ist geblieben. An ihr hängt ein silbernes Metallschild mit dem Namen der Inhaberin Petra Mittmann. Ihr Mann Wilfried hat die Kneipe 1983 eröffnet.

Heute teilen sich drei Leute die Arbeit im täglich geöffneten Laden. Einer von ihnen ist Norbert. An seinen ersten Hamburg-Besuch kann er sich genau erinnern: „01.06.1975. Ich hatte im März meinen Führerschein gemacht und das war meine erste längere Tour. Nach der Schule wollte ich eigentlich Binnenschiffer lernen, aber das ging nicht, weil ich erst 15 war und dazu musst du 16 sein“.
Bei der Berufsberatung sagte man ihm, er solle erst einen anständigen Beruf lernen. Zur See fahren könne er immer noch. Norbert wurde Elektromaschinenbauer. Auf einem Dampfer fand er sich bald trotzdem wieder.

Seemann wurde er durch einen befreundeten Ingenieur, der ihn fragte, ob er abkömmlich sei.
„Na klar war ich abkömmlich. Familie und so hatte sich zu der Zeit erledigt. Mein Kumpel hat dann zur Reederei gesagt, dass er mich haben will. Ich musste nur noch kurz zum Gesundheitscheck, Pass hatte ich und Bumm-Zack war ich weg“.
Innerhalb von 14 Tagen war Norbert als Maschinist auf einem Dampfer in Genua eingestellt. Angeheuert hat er bei der großen englischen Reederei P&O. Bis auf Australien und die Antarktis war er auf jedem Kontinent.
Nach sieben Jahren endete seine Zeit auf See. Stilecht möchte man sagen:

„Ich bin achtern rausgesegelt! Jetzt willst du wissen was das heißt, was. Wir hatten eine Schlägerei in einer Kneipe in Marseille. Normalerweise hat uns der alte Chief oder der Käpt´n rausgeholt. Aber das ging da nicht. Und wenn du einmal Mist gebaut hast, war das damals schnell vorbei. In dieser Zeit, 1986, kamen die Philippiner und Marokkaner. Vorher waren fast alle Offiziere und Maschinenleute deutsch. Und das auf einem englischen Dampfer. Die Engländer waren damals davon überzeugt: Deutsche Ausbildung – Deutsche Wertarbeit“.

Norbert musste sich nach etwas anderem umsehen und getreu seinem  Motto, „Wer nichts wird, wird Wirt“, eröffnete er eine Kneipe in Altona.

Da die Konkurrenz damals groß war, musste er nach einem Jahr aufgeben und heuerte erneut an. Diesmal an Land. Nach kurzem Intermezzo in einer anderen Kneipe, begann er im Shanty zu arbeiten. Im Oktober feierte er sein 25-jähriges Jubiläum. Einen anderen Job kann er sich gar nicht mehr vorstellen:
„In meinen Beruf zurück könnte ich sowieso nicht mehr. Da hat sich ja fast alles geändert und ich würde bei null anfangen. Vor ein paar Jahren habe ich mal den Kapitän der Berlin Express kennengelernt. So ein Riesendampfer. Der hat mich mitgenommen und als ich mir das angeguckt habe, konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. Die Laufen da heute mit weißen Anzügen rum. Nicht zu vergleichen mit dem was wir früher gemacht haben. Ich sah damals aus wie ein Schornsteinfeger“.

Im Shanty ist Norbert jetzt dreimal in der Woche. Aufgeschlossen wird um halb 12. „Früher war das mal anders“, erzählt er, „da standen die Rentner um acht vor der Tür und wollten Skat spielen. Aber die sind ja alle weggestorben“.
95 Prozent der Gäste kommen aus der Nachbarschaft. Jeder kennt jeden und Norbert beschreibt das Shanty als große Familie. Trotzdem werden auch Fremde wohlwollend aufgenommen und die Toleranz gegenüber dem falschen Fußballverein ist bemerkenswert:
„Wir haben einen HSV-Charly, der hier auch seinen Knobelbecher stehen hat. Er verkehrt im Shanty von Anfang an. Und dann akzeptieren wir das. Eigentlich kommen hier mehr St. Paulianer her, aber wenn der HSV international spielt, dann gucken wir das natürlich auch.
Die Frage, ob es als Außenstehender nicht schwer ist, in so eine geschlossene Gemeinschaft aufgenommen zu werden, kann Norbert schnell beantworten:

„Das kommt immer drauf an wie man sich gibt. Aber eigentlich ist das kein Problem. Wir sind offen für alles hier.“

Und dann erzählt er noch die Geschichte vom Kanadier:

„Der saß hier vorne ganz alleine. Ich konnte mich zwar auf Englisch mit ihm unterhalten, aber er wollte deutsch reden und hat erzählt, dass er auf Studienreise ist. Ins Shanty ist er nur durch Zufall geraten, weil er sich verlaufen hat und das bunte Bild draußen so sympathisch fand.
Es waren noch drei Stammgäste da und dann wurde gesagt, „mach mal ´ne Runde Grüner“. Das ist so ein Waldmeister Likör mit 15 Umdrehungen. So ein Frauenschnaps halt. Und der Kanadier hat sich gewundert, warum er auch immer einen Schnaps bekommt. Er kannte das so gar nicht. Naja, und dann habe ich ihm gesagt, wenn hier mal eine Runde bestellt wird, dann sind immer alle dabei…

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Ein Gedanke zu „Achtern raus segeln

  1. Pingback: Renaissance der Gardinenkneipe? | Gardinenkneipe

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