Renaissance der Gardinenkneipe

Die Eckkneipe stirbt aus. Diesen Satz hört man oft, unterhält man sich mit Wirten Hamburger Gaststätten. Als Grund wird häufig fehlender Nachwuchs genannt. Eine dieser Kneipen mit festem Stammpublikum war Jahre lang der Otzentreff in St. Pauli. Stephan und Jan haben den Laden zusammen mit drei  Freunden im November 2010 übernommen. Im Interview erzählen sie, wie es aussehen kann, wenn eine neue Generation in die typische Hamburger Kneipe einzieht.

Stephan (links) und Jan

Stephan (links) und Jan

Seit etwa einem Jahr seid ihr im Otzentreff. Warum?
Stephan: Das war zunächst eine Tresenspinnerei. Wir saßen hier mal beim Bier und der Vorbesitzer hatte im Schaufenster so einen abgerissenen Zettel liegen auf dem „Zu verkaufen“ stand. Wir haben dann den ganzen Abend rumgesponnen und als wir leicht angetrunken aus dem Laden gegangen sind, habe ich den Zettel wieder gesehen und gefragt, was er haben will. Er meinte 5000 Euro. Naja und 5000 mit fünf Leuten, das geht ja. Und so kam das langsam auf den Weg.

Verfolgt ihr ein bestimmtes Konzept?
Stephan: Eigentlich nicht. Wir waren vorher immer Gäste in den typischen Szeneläden auf dem Hamburger Berg. Da gehst du mit drei Leuten rein,  fühlst dich am Tresen wie ein Bittsteller und dann stehst du mit deinen Freunden alleine rum, auch wenn es brechend voll ist. Irgendwann wächst man da raus. Ich bin dann in der Thadenstraße im Günther´s gestrandet und auch wenn dort natürlich ein paar Knalltüten rumstehen, ist das Miteinander schon was ganz anderes. Wenn man am Tresen steht wird man angesprochen.  Als neuer hast du im Prinzip nur zwei Möglichkeiten. Entweder setzt du dich an den Tresen und bist dabei oder du setzt dich an einen Tisch und bleibst Gast zweiter Klasse. Diese Familiensache und diese persönliche Anbindung an die Gäste kannte ich eigentlich nur von dort. Und das ist hier im Prinzip genauso.
Jan: Ich kannte so etwas Ähnliches aus Altona, wo ich auch häufiger in einer Eckkneipe war. Mir war also schon im Hinterkopf, dass ich auch mal auf so etwas Lust habe – Kneipe, Bier trinken, sabbeln, nach Hause gehen. Das ist also eigentlich das Konzept hier.

Seid ihr jetzt hauptberufliche Wirte?
Jan: Nein, wir machen das alle nach dem Feierabend. Deswegen öffnen wir erst um 19 Uhr.

Die Öffnungszeiten haben sich also grundlegend geändert?
Stephan:  Ja, und das wurde uns auch direkt vorgeworfen. Ein paar Gäste von früher sind deswegen nicht mehr hier.
Jan: Das ist nicht anders zu machen, weil wir unser Geld woanders verdienen. (Anmerkung: Wie der Wirt aus dem Shanty berichtet, haben einige der alten Gäste dort ihre neue Heimat gefunden)

Habt ihr trotzdem alte Stammkundschaft übernommen?
Jan: Wir haben schon noch fünf bis sechs die mehrfach in der Woche hier sind. Und dann gucken ab und zu noch ein paar andere von früher rein. Zu diesem alten Kern hat sich eine ganz gute Beziehung aufgebaut. Einen davon haben wir letztes Jahr sogar alle zusammen auf seinem Campingplatz besucht.

Und das neue Publikum? Gibt es da auch einen Stamm?
Stephan: Ja (deutet auf den momentan einzigen Gast und lacht). Wir haben den Vorteil, dass wir fünf Leute mit fünf Freundeskreisen sind. Von daher sind schon massig Leute hergekommen, die sich vorher gar nicht kannten und zum Teil erst hier zusammengewachsen sind.
Jan: Wir sind aber sehr froh, dass wir es geschafft haben, dass Leute aus der Nachbarschaft kommen. Das war uns wichtig.

Gab es irgendetwas, womit ihr vorher nicht gerechnet habt?
Jan: Die Arbeit hat uns ein bisschen überrascht. Deswegen haben wir jetzt auch so viele Aushilfen. Man hat ja die romantische Vorstellung, dass man einen Laden aufmacht, ´nen Kasten Bier kauft, ihn bestenfalls hier rein tragen lässt und am Ende verkauft man ihn und das war´s.  Es hat sich herauskristallisiert, dass es ein ganzes Stück mehr ist. Aber das ist auch nicht schlimm.
Stephan: Ja, die Romantik ist ziemlich schnell verflogen. Aber dafür gewinnt man sehr viel durch den Kontakt mit den Menschen. Ich habe hier Leute kennengelernt, die hätte ich sonst nie getroffen.

Also ein spannendes Umfeld?
Jan: Ja, die Mischung ist so spannend. Hier hängt vom Ex-Kleinkriminellen bis zum Professor alles rum. Da haben sich schon wirklich interessante Abende ergeben. Dieses heterogene Umfeld ist sehr charmant und das gefällt auch den Gästen.
Stephan: Ich mag es auch, wenn es nicht zu freundlich ist. Ich liebe es, wenn hier mal ein paar zerschossene Typen an der Bar sitzen und so blutjunge Studentinnen reinkommen und zunächst total schockiert sind. Die haben dann erst Mitleid und ekeln sich ein bisschen. Aber wenn sie anfangen sich mit den Leuten zu unterhalten, dann merken sie schnell, dass da auch ein Mensch dahinter steckt.

Die Mieten in St. Pauli steigen seit Jahren rasant an. Ihr seid erst ein Jahr hier. Der neue Mietvertrag war sicherlich unheimlich hoch…
Jan: Der Laden ist auf jeden Fall nichts zum reich werden. Aber andere Leute stecken ihr Geld vielleicht in den Kleingartenverein und wir schaffen es halt hier, dass der Laden läuft.
Stephan: Außerdem habe wir schon Glück gehabt. Die Miete hat sich damals nur ein bisschen erhöht. Im Vergleich ist das wohl noch ziemlich günstig. Und auch alles was wir sonst investiert haben ist ja nicht so viel, weil wir es durch fünf teilen konnten. Aber wir wollen auch keine Reichtümer erwerben. Hauptsache die Löhne bleiben übrig.

Ihr liegt mitten im Wohngebiet. Gibt es da nicht Probleme mit den Nachbarn?
Stephan: Am Anfang war das schon ein bisschen schwierig. Unsere Umtriebszeiten sind natürlich etwas anders als vorher. Früher war hier spätestens um 0.00 Uhr Schluss,  weil die Leute voll waren und nach Hause gegangen sind. Jetzt geht es häufig bis in die Puppen, weil wir ja ungern die Leute rausschmeißen. Die letzten Gäste sind halt immer die Nettesten (lacht).

Habt ihr denn jeden Tag in der Woche geöffnet?
Jan: Ja, und das geht auch in der Woche immer bis 3.00 Uhr und gern mal länger. Das mit dem Lärm war aber ein Lernprozess von unserer Seite.  Wir haben am Anfang sicher zu viel Gas gegeben und dann gab es Feedback aus dem Haus. Da wir uns am Anfang vorgestellt haben, wurden wir zum Glück persönlich angesprochen und konnten das im Dialog klären. An sich sind die Beschwerden jetzt auf null.

Die Kneipen sterben aus. Was sagt ihr zu dem Satz?
Stephan:  Zunächst wollte ich noch was zu deinem Blog sagen. Wir sind natürlich eine Gardinenkneipe. Du siehst hier viel Gelsenkirchener Barock. Buntglaskneipe trifft es auch. („Buntglaskneipe vertäfelt“, ergänzt der Gast am Tresen). Mein Eindruck ist, dass diese Standard-Eck-Familienkneipe gerade so eine kleine Renaissance erlebt. Vielleicht ist das auch subjektiv, weil wir alle etwas älter werden und nicht mehr in diesen Trendschuppen rumhängen mögen. Aber mir fallen direkt mehrere Läden ein, die von Jüngeren übernommen wurden und wo das ähnlich aussieht wie hier –Rustikalstyle eben.

Jan: Es gibt wirklich viele junge Studenten, die sich hier wohlfühlen und auch immer wiederkommen.
Stephan: Im Prinzip sind wir ja eine ganz normale Eckkneipe, nur dass das Ganze mit einer anderen Generation läuft.

Und was ist mit der Generation die vor euch hier war. Bekommt ihr manchmal zu hören, dass ihr alte Gäste raus gedrängt habt?
Jan: Ja, das kam schon häufiger vor. Im Sommer, wenn wir mal draußen saßen, kamen Leute vorbei und fragten, was mit den Alten ist und dass das alles schrecklich, schrecklich sei. Aber wenn sie dann mal reingekommen sind hat sich das schnell geklärt. Eigentlich führen wir ja den Laden so weiter wie er war und wir hatten nie die Absicht hier irgendjemand rauszudrängen.
Stephan: Vielleicht ist auch bei einigen ein falscher Eindruck durch das neue Schild entstanden. Das sieht ja schon etwas trendy aus und passt ja irgendwie nicht zum Laden. Vielleicht bauen wir das wieder ab.
Jan: Wobei ich den Bruch eigentlich auch ganz lustig finde, weil wir ja nun augenscheinlich nicht so sind. Das alte Schild war auf jeden Fall sehr hässlich.

Otzentreff (Altes Schild)

Altes Schild

Neues Schild

Vielen Dank für das Gespräch!

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2 Gedanken zu „Renaissance der Gardinenkneipe

  1. langsam aber sicher… und eben dank solcher hippen artikel werden leider dann auch diese neuen/alten läden eben von schanzen studis überrolt. :-/

    • Moinsen,
      ich glaube, man muss bei der ganzen Gentrifizierungsdebatte mal weg vom Schwarz-Weiss-Denken. Auch wenn ich Sympathie hege für den „Überfremdungsgedanken“: Gentrifizierung ist das nicht, sondern eher ein Symptom. Der Stadtteil hat sich immer gewandelt und selbst die ganzen Alten sind oft auch „Neuburger“ gewesen bzw. hier gestrandet. Und jeder von uns ist Motor dieses Wandels.
      In diesem Blog setzt sich doch eher jemand mit eben diesen gewachsenen / wachsenden Strukturen auseinander. Und ist damit natürlich selbst auch Motor, wie jeder sonst, der sich öffentlich macht.
      Das soll nicht bedeuten, unkritisch zu sein.
      Konsumorientierte Hipness, kommerzieller Mainstream zusammen mit finanzkräftigen Investoren sind Ursache für Verdrängung von Menschen und Plattmachen von gewachsenen Strukturen, darum geht es doch. Und darauf gilt es, eine Antwort zu finden.

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